"Was ist Waldorfpädagogik eigentlich...?": Vom ersten Lebensjahrsiebt, Sinnespflege, Vorbild und Nachahmung...und ein Tag im Waldorf KIGA ST. ANTON!

“Was ist Waldorfpädagigik eigentlich?”: „LEBENsRAUM für Kindheit schaffen“

Waldorfpädagogik im Kindergarten von St. Anton

FAST WIE IN EINER BÄUERLICHEN GROSSFAMILIE…?

Vielleicht lässt sich Waldorfpädagogik ein bisschen am Modell einer bäuerlichen Großfamilie veranschaulichen. Es gab bis vor gar nicht so langer Zeit in den meisten Familien viele Kinder (nicht alle so nahe beieinander natürlich) und jedes trug auf seine Weise und nach seinen Möglichkeiten zum Wohl der Gemeinschaft bei. Das war auch notwendig. Tag und Nacht, Voll- und Neumond, Aussäen und Ernten… bestimmten die Rhythmen des Tages-, Monats- und Jahresgeschehens. Die tägliche Arbeit war eingebettet in einen sinnvollen Zusammenhang und den Kreislauf der Natur. Spielsachen lieferte Mutter Erde oder wurden selbst hergestellt.

UNSERE HEUTIGE TECHNISCHE ZEIT……GUT ODER SCHLECHT?

In unserer heutigen technischen Zeit erschweren die gesellschaftlichen Voraussetzungen eine natürliche Entwicklung des Kindes. Der Tagesrhythmus der meisten Erwachsenen orientiert sich nicht mehr am Lauf der Sonne, sondern an der Uhr. Auch das räumliche Erfahrungsfeld hat sich verändert. Wir wachsen nicht mehr aus dem Elternhaus überschaubar in die Welt hinein, sondern bewältigen zum Teil große Strecken mit allen möglichen Fortbewegungsmitteln, die uns von Ort zu Ort bringen. Auch Kinder im Kindergartenalter werden in ihrem täglichen Leben oft von „Insel“ Kindergarten zu „Insel“ Musikschule usw. gefahren, ohne jemals irgendwo richtig anzukommen. Das kann zu innerer Hektik und Unruhe führen. Kinder, die aber erfahren und gelernt haben, Ruhemomente nicht nur auszuhalten, sondern auch zu genießen, um dann genauso freudig Krach zu machen, leben deutlich gesünder als diejenigen, die ständig von innerer Hast angetrieben werden.

WIE SIEHT DIE WALDORFPÄDAGOGIK DIE KINDLICHE ENTWICKLUNG?

Welche Stärken, Basisfähigkeiten und Kompetenzen können dem Kind nun helfen, sich trotz solcher Risikofaktoren sozial gesund zu entwickeln? Um diese Frage zu beantworten werfen wir einen kurzen Blick auf das menschenkundliche Fundament der Waldorfpädagogik. Sie basiert auf einem Menschenbild, das Körper, Seele und Geist als miteinander verbunden ansieht. Nicht nur Rudolf Steiner, der Begründer der Waldorfpädagogik, auch moderne wissenschaftliche Forschungen haben den vielschichtigen Zusammenhang der Systeme untereinander erkannt. Ein Lernvorgang muss also immer den ganzen Menschen, Hand, Herz und Kopf miteinbeziehen.

Waldorfpädagogik betrachtet die kindliche Entwicklung in Zeitabschnitten. Im ersten Lebensjahrsiebt ist das Kind vorwiegend noch schlafend und träumend. Es erfährt sich als eins mit seiner Umgebung und dem Kosmos. Mit dem Zahnwechsel wird es schulreif. Es hat nun eigene Vorstellungen und beginnt Prozesse zu verstehen. Mit ca. 14 Jahren und der Pubertät beginnt der junge Mensch sein Seelenleben zu erfahren.

WAS IST ALSO IN DER "KINDESERZIEHUNG” WICHTIG….?

  • In jeder Lebensepoche sollte das Kind die Möglichkeit haben, physisch, psychisch und geistig seiner Entwicklung gemäß die notwendige Zeit und den entsprechenden Raum zu finden. Deshalb wendet sich Waldorfpädagogik gegen einseitige und verfrühte Lernmethoden auf rein kognitiver Ebene. Sie versteht sich vielmehr als Sinnespflege. Die Sinne sind die Grundlage für ein gesundes Verhältnis des Menschen zur eigenen Leiblichkeit, zur natürlichen Umwelt und zur mitmenschlichen Umgebung. Sie ermöglichen ganzheitliches Dasein.

  • Waldorfpädagogik versteht sich auch als Erziehung zur Freiheit. Sie möchte Kinder zu eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen jungen Menschen heranwachsen sehen. Indem der Mensch seine Individualität ausbildet, die fremde Individualität achtet und soziale Fähigkeiten entwickelt, kann er tatkräftig die Welt mitgestalten.

  • Kindheit bedeutet Spielzeit: Im Spiel hat das Kind die Möglichkeit, sich die Basiskompetenzen für solch ein selbstbewusstes Leben anzueignen: Körper- und Bewegungskompetenz, Sinnes- und Wahrnehmungskompetenz, Fantasie- und Kreativitätskompetenz, Sozialkompetenz, Sprachkompetenz, Motivations- und Konzentrationskompetenz können nur spielerisch erlernt werden. In der Art, wie ein Kind spielt, offenbart sich sein Entwicklungsstand und seine Beziehung zur Umgebung. Wir versuchen im Kindergarten dem Freispiel viel Zeit und Raum zu geben. Unsere Spielsachen finden wir in der Natur oder stellen wir selbst zusammen mit den Eltern her. Sie sind nicht strukturiert und nur wenig ausgestaltet um Willens-, Phantasie- und Vorstellungskraft anzuregen.

WIE IST EIN TAG IM KINDERGARTEN ST. ANTON AUFGEBAUT…?

1. EIN- und AUSATMUNG IM KINDERGARTEN: Tages-, Wochen- und Jahresrhythmus : Das kleine Kind lebt noch ganz im Rhythmus von Tag und Nacht, von Ein- und Ausatmung, von Bewegung und Ruhe. Erst nach und nach findet es sich in die gemeinsamen Abläufe im Kindergarten. Umso wichtiger ist es, dass diese immer gleich bleiben und sich ständig wiederholen. Der Tag ist in Phasen von Aktivität wie dem Freispiel, der Tätigkeit, dem Reigen… und Phasen der Ruhe, wie Fingerspiele, Liebkoschen, Märchen und Puppenspiele gegliedert.

  • Der Wochenrhythmus orientiert sich wie der Name des jeweiligen Tages bereits offenbart, an den Planeten. Montag, dem Tag des Mondes malen wir mit Wasserfarben und essen Reis. Dienstag, Marstag, kneten wir Bienenwachs , gehen spazieren und essen Gerste, Mittwoch, Merkurtag arbeiten wir für das Jahreszeitenfest und essen Hirse. Donnerstag backen wir das Brot aus Roggen und Freitag, Venustag sind wir im Wald und genießen die Ruhe in der Natur.

  • Der Jahresrhythmus wird von den Festen bestimmt. Zunächst feiern wir St. Michael, Erntedank und St. Martin. Die Adventsspirale leitet den Advent ein. Der Nikolaus kommt und das Christkind wird geboren. Im neuen Jahr machen sich wieder die drei Könige auf den Weg und mit dem Fasching treiben wir den Winter beim Tor hinaus. Ostern, Pfingsten, Sommer- und schließlich das Königskinderfest werden von uns andächtig und liebevoll vorbereitet und innig erwartet. Durch die ständige Wiederkehr von bereits Erlebten gewinnen die Kinder ein Verhältnis zu zeitlichen Abfolgen.

2. Vorbild und Nachahmung

Das kleine Kind lernt am Vorbild. Deshalb sind wir im Kindergarten darum bemüht, sinnvolle Tätigkeiten auszuüben. Bei der sinnvollen Tätigkeit geht der Mensch seiner Bestimmung nach. Er tut, was die Umgebung erfordert und macht das mit Hingabe. Er verbindet sich dabei mit sich selbst und seiner Umwelt. Im Kindergarten gibt es genügend Möglichkeiten sich sinnvoll zu betätigen: die Kinder helfen beim Frühstückzubereiten, Aufräumen und Vorbereiten, bei der Pflege der Spielsachen, des Gartens und des Raumes oder in der Werkstatt… Zeitgleich arbeiten andere künstlerisch: Nass- in Nassmalen, Bienenwachskneten, Zeichnen mit Wachsblöckchen, Brötchen formen… etwas Schönes zu schaffen, kommt der Natur des Kindes im ersten Lebensjahrsiebt sehr entgegen. Phantasie und Kreativität können sich hier frei entfalten. Die Tätigkeit geht in einer ruhigen, schaffigen Atmosphäre vor sich und wird von Gesang, rhythmischen Sprechen oder auch Summen begleitet. Es braucht nicht viel gesagt werden, alle sind ins Tun vertieft.   

Wir wünschen uns in unseren Worten, Gesten und Taten nachahmenswerte Vorbilder für die Kinder zu sein.