„Wie lange ist es sinnvoll zu stillen? Die Kinderärztin sagt, nach einem Jahr bringt es nichts mehr, aber...?"

„Wie lange ist es sinnvoll zu stillen? Die Kinderärztin sagt, nach einem Jahr bringt es nichts mehr, aber ich hab gelesen, dass die WHO sogar empfiehlt, zwei Jahre zu stillen. Welche Vorteile hat mein Kind, wenn ich nach dem ersten Geburtstag weiterstille? Bringt es z.B. was für die Abwehrkräfte, also dass es in der Kita vielleicht nicht so oft oder weniger stark krank wird??“

———————————————————————————————————

Die WHO empfiehlt Stillen bis zum zweiten Geburtstag und darüber hinaus, solange es Mutter und Kind möchten. Tatsächlich beinhaltet das Stillen über das erste Lebensjahr hinaus etliche Vorteile für Kind und Mutter (!). Zum einen verändern sich die Inhaltsstoffe der Muttermilch, indem sie sich an die veränderten Bedürfnisse des wachsenden Kindes anpassen. Die Muttermilch für ein 1,5-jähriges Kind enthält z.B. mehr Eisen (Laktoferrin, welches sehr gut vom Körper aufgenommen werden kann), und wie Sie schon vermuten sehr viele Abwehrstoffe. Der Grund dafür ist folgender: Lernt ein Kind das Gehen, kann es sich plötzlich viel weiter von den Eltern weg-bewegen. Somit steigt aber die Wahrscheinlichkeit, dass das Kind nun mit „familienfremden“ Keimen in Berührung kommt. Die Muttermilch sorgt also vor und liefert eine Extraportion Immunstoffe, welche sogar annähernd so hoch ist wie im Kolostrum gleich nach der Geburt! Ihre Vermutung, dass das Stillen den Kita-Kindern zugutekommt, ist also richtig. Die Milch ist also alles andere als „nur mehr Wasser“.

Weiters unterstützt das Stillen die Muskel- und Knochenentwicklung im Gesichtsbereich. Das hat Vorteile für die Sprachentwicklung und formt den Kiefer. Befürchtungen, wonach die Milch Karies fördern würde, konnten in Studien widerlegt werden.

Für die Mutter bringt das Stillen über das erste Lebensjahr hinaus ein geringeres Risiko für Brustkrebs und Osteoporose. Das Risiko sinkt übrigens umso mehr, je länger die Mutter stillt.

Stillen ist aber nicht bloße Nahrungsaufnahme. Gerade in schwierigen Phasen (Mutter geht wieder arbeiten, Kita-Eintritt, ein Geschwisterchen wird geboren…) suchen Kinder oft wieder sehr den (Körper-)Kontakt zu den Eltern, Kuscheln viel, scheinen manchmal sogar „Rückschritte“ in ihrer Entwicklung zu machen. Das Stillen fördert hier die sichere Bindung- es tröstet, gibt Halt und vermittelt Sicherheit. Kinder, welche immer wieder erleben dürfen, dass sie einen „sicheren Hafen“ haben, tun sich häufig leichter, große Schritte und Umwälzungen zu bewältigen. Natürlich kann eine solche Zuwendung auch ohne Stillen geboten werden- beim Stillen geht es einfach nur ganz nebenbei.

Im Übrigen gestaltet sich das Stillen eines älteren Kindes ganz anders als bei einem Baby. Häufig wird nur zu Hause, oder nur abends oder vor dem Einschlafen gestillt. Das Bild des 3-jährigen, der seiner Mutter in der Öffentlichkeit das T-Shirt hochreißt, entspricht also nicht unbedingt der Realität. Bedenkt, dass man mit einem älteren Kind sehr wohl darüber sprechen kann, wann es stillen darf. Wer jetzt beim „3-Jährigen“ kurz zusammengezuckt ist- der Mensch als Säugetier würde seinen Nachwuchs eigentlich 4-6 Jahre stillen. Das kurze Stillen, welches sich in unserer (mitteleuropäischen) Gesellschaft durchgesetzt hat, ist also von der Natur nicht vorgesehen. Denkt nur mal an all die Kindergarten-kinder, welche noch einen Schnuller haben (oder gerne hätten): Raten Sie mal, wofür der Schnuller der Ersatz ist…..?